Krassgrün - Hendrik Zerkowski

Praktikanten-Blogger

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Hendrik Zerkowski

Hendrik Zerkowski

Von Erbsen, Raps und Sommerweizen und dem betriebseigenen Propellerflugzeug...

Drei Monate in Kanada

Vermittelt durch die IRE habe ich mein 3-monatiges Praktikum in Kanada verbracht. Gearbeitet habe ich für Lesyk Farms Ltd., ansässig in SOA 3KO Rhein, Sasketchewan. Der Ackerbaubetrieb, den die Familie Lesyk zusammen mit dem Manager Wesley Schock bewirtschaftet, baut an zwei 10km voneinander entfernten Standorten auf 4000ac (ca. 1600ha) Erbsen, Raps und Sommerweizen an. Während meines Ernteeinsatzes drehte sich der größte Teil der Zeit um die drei Mähdrescher der Marke John Deere (2x JD 9600 & 1x JD 9610), die mit 9m Schneidwerken das Getreide im “Straight Cut Verfahren” geerntet haben. Besonders ist das in dieser Region vor allem, weil man hier herkömmlicherweise “Swather”, also Schwadmäher, dazu benutzt. Man lässt das Getreide in langen Reihen abreifen, damit dieses dann mit einer PickUp am Mähdrescher aufgenommen werden kann. Da der Betrieb im Vergleich zum Vorjahr jedoch 1500ac weniger bewirtschaftete und dabei einen Mähdrescher weniger im Einsatz hatte, entschieden sie sich gegen diese Methode.

Zu Beginn galt es allerdings erst einmal zwei Wochen in Instandsetzungsarbeiten zu investieren, da die 25+ Jahre alten Maschinen durch die enormen Hektarzahlen einem deutlichen Verschleiß ausgesetzt waren. Der richtige Zeitpunkt zur finalen Behandlung der Erbsen mit Pflanzenschutzmitteln lag noch eine Woche entfernt

Bei der finalen Pflanzenschutzmittel- Behandlung der Erbsen lernte mich mein Chef dann auf der selbstfahrenden Pflanzenschutzspritze John Deere 4730 an. Das ermöglichte es mir, diese im Raps und im Weizen auch feldübergreifend zu fahren. Mit 33m Arbeitsbreite und einem Fassungsvolumen von 3200l war dies eine ganz besondere Erfahrung. Trotz GPS-gelenktem Fahrsystem und automatischer Höhenausrichtung des Gestänges war bei Fahrgeschwindigkeiten von bis zu 25km/h immer höchste Aufmerksamkeit gefragt, um eine hohe Flächenleistung zu halten.

Ebenso war es eine besondere Erfahrung, einen herkömmlichen Mähdrescher bei der Erbsenernte einsetzen zu können, da man dieses Verfahren in Deutschland sonst nur in Verbindung mit sonderangefertigten Erntemaschinen kennt. Durch das hohe Alter der Maschinen waren diese jedoch mit weitaus weniger Sensoren und Automatismen versehen als die vergleichbaren heutigen Modelle. Dadurch konnte ich zusätzlich ein Gefühl dafür entwickeln, die Schneidwerkshöhe an das Gelände und die Fahr-geschwindigkeit an das Motorengeräusch anzupassen.

Neben den Erfahrungen, die ich auf den verschiedenen Maschinen machen konnte, war es vor allem immer eine Freude, wenn ich mich mit meiner Gastfamilie austauschen konnte. Eine Sprachbarriere bestand zum Glück von Anfang an nicht, da mir die englische Sprache bereits während des Leistungskurses in meiner Abiturzeit keine großen Probleme bereitet hat. Als es dann allerdings an die Werkstattvokabeln ging musste ich mir dann doch einmal eine kleine Vokabelliste anfertigen.

Besonders während der gemeinsamen Mahlzeiten im Haus der Lesyks wurden sich häufig Anekdoten erzählt.

Schnell erhielt ich durch lustige Geschichten aus vergangenen Erntesaisons einen Einblick in die freundliche Mentalität der Bevölkerung Kanadas. Aus europäischer Sicht war es ebenso spannend, ihre Sichtweise auf die europäische oder US-amerikanische Politik zu erfahren. Bei meinem Chef Wes, der an der Universität Agrarwissenschaften studiert hatte, habe ich nur selten eine Gelegenheit ausgelassen, mehr über die kanadische Art der Landwirtschaft zu erfahren. Bei Themen wie der regelmäßigen Entnahme von Bodenproben zur Düngebedarfsermittlung, der Güllelagerung in Lagunen, dem Einsatz von genverändertem Saatgut, oder dem Einsatz von Glyphosat zur Unkrautbekämpfung im Mulchsaatverfahren konnte es auch zeitweise etwas hitziger zugehen. Trotzdem gab er mir immer eine Antwort. Jederzeit waren alle Mitarbeiter des Betriebes darum bemüht mir etwas Neues beizubringen. Dadurch, dass ich in viele Reparatur- und Wartungsarbeiten eingebunden wurde, konnte ich mir viele Tricks und Kniffe abgucken, wodurch ich mit der Zeit auch einige Reparaturen selbstständig durchführen konnte.

Mein persönliches Highlight des Austausches war jedoch das kleine Einpropeller-Flugzeug von Wes. Da seine Familie im 500km entfernten Winnipeg lebt, nutzt er den Flieger, um die Reisezeit zur Farm, sooft das Wetter es zulässt, von 5h auf 2h zu verkürzen. Als er mich netterweise über das lange Wochenende Anfang Oktober mit nach Winnipeg eingeladen hatte, war es wirklich schön, die beiden Farmstandorte und die umliegenden Felder aus der Luft sehen zu können. Das ist definitiv eine der vielen Erfahrungen, die ich niemals vergessen werde.

In genauso guter Erinnerung bleibt mir der Wochenendausflug zum Fischen im Heimat-dorf von Wes und Glen, als wir Ende September auf Grund von plötzlichem und starkem Schneefall die Ernte unterbrechen mussten. Freundlicherweise konnten wir auf dem alten Bauernhof von Wes Eltern unterkommen und deren Boot zum Angeln nutzen. Angeln, aber auch speziell das Eisfischen in den Wintermonaten ist in Kanada traditionell verankert und sorgt neben leckeren Mahlzeiten auch für eine Aktivität, die man nutzt, um Zeit mit Familie, Freunden und Nachbarn zu verbringen.

Was mich jedoch am Allermeisten inspiriert hat, ist die Mentalität, bei all der Arbeit den Humor nicht zu vergessen und die Arbeitsweise, bei der man passierte Fehler nicht breittritt, sondern gemeinsam an einer Lösung arbeitet, um schneller wieder Fortschritte erzielen zu können.